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Die Geschichte des Jiu - Jitsu
Ein Samurai in voller Bewaffnung (1860)
Jiu Jitsu „Die sanfte Kunst“ bzw. „Die Wissenschaft von der Nachgiebigkeit“) – ehemals auch als Yawara bekannt – ist eine von den japanischen Samurai stammende Kampfkunst der waffenlosen Selbstverteidigung. Jiu Jitsu kann unabhängig vom Alter und Geschlecht trainiert werden und bietet ein breites Spektrum von Möglichkeiten zur Selbstverteidigung, und – unter anderem durch Stärkung des Charakters und Selbstbewusstseins – zur friedlichen Lösung von Konflikten.
Jiu Jitsu wurde von Samurai praktiziert, um bei einem Verlust oder Verbot der Hauptwaffen (Schwert, Speer, Schwertlanze, Bogen, etc.) waffenlos oder mit Zweitwaffen weiterkämpfen zu können. Diese Kampfkunst war zunächst geheim und nur dem Adel vorbehalten, im Laufe der Zeit wurde sie aber auch von nichtadligen Japanern ausgeübt.
Ein übergeordnetes Ziel im Jiu Jitsu ist es, einen Angreifer – ungeachtet, ob bewaffnet oder nicht – möglichst effizient unschädlich zu machen. Dies kann durch Schlag-, Tritt-, Stoß-, Wurf-, Hebel- und Würgetechniken geschehen, indem der Angreifer unter Kontrolle gebracht oder kampfunfähig gemacht wird. Dabei soll beim Jiu Jitsu nicht Kraft gegen Kraft aufgewendet werden, sondern – nach dem Prinzip „Siegen durch Nachgeben“ – soviel wie möglich der Kraft des Angreifers gegen ihn selbst verwendet werden.
Die sino-japanischen Kanji Jiu und Jitsu (von oben nach unten)
Jiu Jitsu ist eine alte japanische Kampfkunst und gilt als eine der ältesten und „ehrwürdigsten”. Die geistig-philosophische Seite (siehe Ehrenkodex Bushido) ist genauso Teil der Sanften Kunst wie der technische Aspekt, wobei die traditionelle Seite der Kampfkunst mit der modernen Hand in Hand geht. Traditionelle Elemente − wie die Verbeugung und die Übung in Kata – stellen genauso wie fortschrittliche Elemente − zum Beispiel Gürtelgrade entsprechend der Beherrschung der Kampfkunst und Wettkämpfe – ein Teil des Gesamtsystems Jiu Jitsu dar. (Einige Schulen lehnen Wettkämpfe ab, da dafür eine starke Einschränkung der Möglichkeiten des Jiu Jitsu notwendig ist, um Verletzungen im Wettkampf zu vermeiden.)
Innerhalb des Systems Jiu Jitsu erlernt ein Schüler zunächst Kihon (jap. Grundschule), bestehend aus Schlag- und Stoßtechniken sowie Tritt- und Beintechniken und auch die Fallschule als Voraussetzung für ein verletzungsarmes Training. Weiter wird die Anwendung von Würfen, Hebeln und Festlegetechniken sowie die waffenlose Verteidigung gegen alltägliche Angriffe (wie beispielsweise gegen Würgen, Handgelenk- und Kragenfassen, Schlag-, Tritt- und Waffenangriffe, etc.) und Bodenkampf unterrichtet. Auch die allgemeine Fitness wird durch intensives Fitnesstraining am Anfang jedes Trainings gefördert.
Die genaue Herkunft der antiken Kampfkunst Koryu Ju Jutsu (Jiu Jitsu) – früher auch Yawara, Tai Jutsu, Kenpo, Hakuda, Aiki [Ju] Jutsu, Kogusoku, Koshi No Mawari, Kumi Uchi, Torite, Shubaku etc. genannt – ist heute kaum eindeutig feststellbar. Selbst Jigoro Kano schrieb, dass viele zu gerne ihre „eigene“ Entstehungsgeschichte darstellen und dadurch die eigentliche Herkunft verschleiert bleibt. Anschließend beschreibt er mögliche Entstehungsarten und -mythen. In einer dieser Entstehungsmythen wird das Grundprinzip des Jiu Jitsu „Nachgeben, um zu siegen“ besonders deutlich:
Darin heißt es, dass Akiyama Shirobei Yoshitoki (ein im 16. Jahrhundert in Nagasaki lebender Arzt) auf seiner Studienreise durch China in Klöstern neben medizinischem Wissen auch Unterricht im waffenlosen Nahkampf (Hakuda/ Baida) erhielt. Dabei stellte er die immense körperliche Stärke als Voraussetzung zur Ausführung der Techniken fest. Zurück in Japan unterrichtete Akiyama das aus China mitgebrachte Hakuda, doch viele seiner Lehrlinge wandten sich von diesem kraft-betonten System ab. Eines Winters dann beobachtete Akiyama wie die massiven starren Äste einer Kiefer unter der Last herunterkommender Schneemassen brachen, während die dünnen Äste einer daneben stehenden Weide sich unter der Last des Schnees so lange herunterbogen, bis der Schnee abglitt, um sich dann unversehrt wieder aufrichteten. Inspiriert von dieser Beobachtung gründete er die erste Schule der „Wissenschaft von der Nachgiebigkeit“ und nannte sie Yoshin-Ryu (Weiden-Schule).
Doch nicht nur die Herkunft ist kompliziert beim Jiu Jitsu, auch die Transkription aus dem Japanischen ins lateinische Alphabet ist eine Herausforderung für sich:
Dadurch entstehen die vielen Möglichkeiten, „Die Sanfte Kunst“ (jap. 柔術) zu transkribieren. Heutzutage ist für diese traditionelle japanische Kampfkunst international der Ausdruck „Ju Jitsu“ und in Deutschland „Jiu Jitsu“ verbreitet. Folgt man der offiziellen japanischen Lautumschrift, müssten die og. Kanji „Jūjutsu“ bzw. „Juujutsu“ (sprich Dschuu-dschtsu, wobei das erste U bei Dschuu lange gesprochen wird) ins lateinische übertragen werden. Dennoch finden weitere Transkriptionsmöglichkeiten der Sanften Kunst ihre Verwendung in verschiedenen Ländern und ihren Verbänden – teilweise auch für abgewandelte Systeme.
Entwicklung
Japanische Jiu-Jitsu-Schüler (1920er Jahre)
Aus dem Jiu Jitsu entwickelten sich im Laufe der Zeit weitere Kampfkünste, durch besondere Betonung auf einzelne Aspekte des Gesamtsystems Jiu Jitsu, oder durch Mischung mit anderen Kampfkünsten:
Judo ist ein wurflastiger Stil des Jiu Jitsu, der Anfang des 20. Jh. entstand. Jigorō Kanō entwickelte Jūdō als attraktive Kampfkunst für die moderne japanische Gesellschaft sowie als Nahkampfsystem für die Tokioter Polizei. Dabei handelt es sich um ein Extrakt aus dem Jiu Jitsu, welches sich vornehmlich aus Wurf-, Würge-, Hebel- und Haltetechniken zusammensetzt. In Europa herrscht das Wettkampfjudo vor; im traditionellen Judo von Kano hingegen gibt es weiterhin Schlag-, Stoß-, und Tritttechniken, außerdem wird Wert auf eine Ausbildung im Kuatsu (Kunst der Wiederbelebung) gelegt.
Etikette
Für Jiu Jitsuka gelten – genau wie für andere Budōka auch – strenge Höflichkeitsregeln (jap. Reishiki) und Regeln für Übung der Kampfkünste (jap. Dojokun), die einerseits den groben Ablauf und andererseits bestimmte Details des Trainings festlegen. So ist es z. B. üblich, vor Betreten und Verlassen der Übungshalle (jap. Dojo), am Eingang das Shomen des Dōjō und die darin Versammelten mit einer Verbeugung im Stand (jap. 立礼, Ritsurei) zu begrüßen. Auch beginnt und endet jedes Training, jede Übung und jede Kata mit einem Gruß (jap. Rei).
Der Beginn und das Ende jedes Jiu-Jitsu-Trainings werden mit einer gemeinsamen Grußzeremonie und kurzer Meditation (jap. Mokusō) begangen. Schüler und Meister verneigen sich dabei in Respekt – nicht in Demut – vor einander und den alten Meistern (im Geiste, repräsentiert an der Stirnseite, dem Shōmen des Dōjō) und lösen sich während der Meditation gedanklich von der Alltagsroutine und bereiten sich auf das Training vor.
Trotz moderner und sportlicher Gesichtspunkte des heutigen Trainings (z. B. Fitness- oder Wettkampftraining), lässt die Meditation auf die Herkunft des Jiu Jitsu als Weglehre (Do) schließen.
Quelle: